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# Der dritte Song heißt "Schakal"
- URL: https://www.christian-habeck.de/lacrimosa-mera-luna-26/
- Published: 2026-08-21T12:10:29.000Z
- Updated: 2026-08-21T12:10:29.000Z
- Author: Christian Habeck
- Tags: Konzertfotografie, Mera Luna, Gothic

### M'era Luna 2026 aus dem Fotograben: über ein Festival bei 33 Grad und einen Nachmittag, an dem der Job kurz aufhört, Job zu sein

Im Fotograben gilt eine einfache Regel: drei Songs, kein Blitz, danach raus. Man kennt sie, man plant danach, sie ist Teil des Berufs.

An diesem Sonntagnachmittag stand ich vor der Main Stage, Lacrimosa spielte, und ich rechnete im Kopf mit, wie man das immer tut. Song eins: Intro. Song zwei "Avalon". Song drei war "Schakal."

Wer die Platte kennt, weiß, was das heißt. Für alle anderen ist es einfach ein Titel.

## Was vorher passiert ist

Ich fotografiere seit Jahren Konzerte, und ich habe mir angewöhnt, im Graben nicht darüber nachzudenken, wen ich da vor der Linse habe. Das funktioniert meistens erstaunlich gut. Man sucht Licht, man wartet auf die Wiederholung, man zählt die Songs runter.

Aber bei manchen Bands funktioniert das eben nicht.

Es gibt Künstler, deren Musik man hört. Und es gibt die, deren Texte irgendwann Teil der eigenen Geschichte geworden sind, ohne dass man das je entschieden hätte. Tilo Wolff hat Sachen in Worte gefasst, für die man als Zwanzigjähriger keine hatte. Schmerz, Einsamkeit, Verlust, dieses ganze Programm, das man mit zwanzig für einzigartig hält und mit vierzig bei erstaunlich vielen Leuten wiederfindet.

Lacrimosa hat eine ganze Generation durch Jahre begleitet, in denen wir andere Menschen waren als heute.

Und dann steht man plötzlich im Graben, drei Meter vor dem Mann, und es läuft Schakal.

## Der Slot

Fotografisch war es der undankbarste Auftritt des Wochenendes. Später Nachmittag, pralles Licht über dem Flugplatz Drispenstedt, keine Lightshow, die einem entgegenkommt, harte Schatten in den Gesichtern. Man arbeitet gegen die Sonne statt mit ihr.

Dazu Anne Nurmi, die nach ihrer Krankheit wieder auf der Bühne stand. Die ersten Reihen haben das gefeiert, bevor der erste Ton kam.

![Anne Nurmi mit Lacrimosa beim M’era Luna Festival 2026](https://storage.ghost.io/c/ec/0e/ec0e3091-2585-4472-8af3-2851b693ad4a/content/images/2026/08/CR3A8525-3.jpg)

****Anne Nurmi mit Lacrimosa beim M’era Luna Festival 2026**

Die Setlist ging weiter durch Jahre, die ich mit dieser Band verbinde: Lichtgestalt, Alleine zu zweit, Kelch der Liebe, Not Every Pain Hurts, Der Morgen danach. Da war die Kamera längst unten.

Man kann das professionell finden oder nicht. Nach drei Songs ist man draußen, und alles, was danach kommt, sieht man wie alle anderen auch. In diesem Fall war das ein Glücksfall.

## Was daneben passiert

Der Rest des Wochenendes lief so, wie ein M'era Luna läuft, nur heißer. 25.000 Menschen pro Tag, ausverkauft, am Sonntag 33 Grad im Schatten, und Schatten gibt es auf einem ehemaligen Militärflugplatz ungefähr so viel wie Sitzplätze.

Wenn man aus dem Graben kommt, dreht man sich irgendwann um. Und dahinter ist mehr los als davor.

Jemand sitzt im schmalen Schattenstreifen hinter einem Getränkestand und repariert mit dem Handyspiegel den Lidstrich, der seit vier Stunden gegen die Hitze kämpft. Zwei Leute teilen sich eine Flasche von den kostenlosen Wasserstationen. Eine Frau nimmt ihrer Begleitung wortlos den Mantel ab und trägt ihn weiter.

![Festivalbesucherin mit bunten Dreadlocks und kleiner Kamera beim M’era Luna Festival 2026 in Hildesheim.](https://storage.ghost.io/c/ec/0e/ec0e3091-2585-4472-8af3-2851b693ad4a/content/images/2026/08/CR3A8203.jpg)

****Ein anderer Blick aufs M’era Luna 2026**

Das sind keine Motive, für die man akkreditiert wird. Aber zwei Wochen später bleibe ich beim Sichten genau dort hängen.

## Schwarz bei 33 Grad

Über das Wetter wurde viel geschrieben, heißestes und staubigstes M'era Luna seit Langem. Interessanter als die Hitze fand ich, was sie sichtbar gemacht hat.

Schwarz bei 33 Grad ist eine Entscheidung, die etwas kostet. Leder, Samt, geschnürte Korsetts, Stiefel bis unters Knie, das trägt an so einem Tag niemand aus Gewohnheit. Man trägt es, weil man es will, und zahlt mit Kreislauf.

Deshalb greift die Toleranz-Erzählung, die über dieses Festival gern verbreitet wird, ein Stück zu kurz. Es geht nicht darum, dass niemand komisch guckt. Es geht darum, dass Leute bereit sind, zwei Tage im Jahr körperlich unangenehm zu leben, weil ihnen wichtiger ist, wie sie sich zeigen, als wie bequem sie stehen.

Das ist keine Toleranz. Das ist Konsequenz.

## Der Abend

Ich habe an diesem Wochenende mit vielen Leuten gesprochen, und bei Lacrimosa kam ziemlich oft dieselbe Geschichte zurück. Andere Städte, andere Jahre, dieselben Platten. Das ist der Teil, den man von außen nicht sieht: dass eine Band für ein paar tausend Menschen dasselbe bedeutet, ohne dass die je miteinander geredet hätten.

Am Abend durfte ich Tilo Wolff dann noch kurz persönlich treffen. Backstage, abgesperrter Bereich, ein paar Minuten.

Ein Augenblick. Ein paar wenige Worte. Ein gemeinsames Foto.

![Christian Habeck mit Tilo Wolff von Lacrimosa backstage beim M’era Luna Festival 2026.](https://storage.ghost.io/c/ec/0e/ec0e3091-2585-4472-8af3-2851b693ad4a/content/images/2026/08/7N6A3608-1.JPG)

` Mit Tilo Wolff beim M’era Luna Festival 2026`

Mehr war es nicht, und mehr brauchte es auch nicht.

## Zwei Tage später

Am Montagmorgen verschwinden Korsetts und Stiefel wieder in Koffern, und aus 25.000 Leuten in Schwarz werden wieder Kollegen, Nachbarn, Eltern.

Ich bin an diesem Wochenende mit ein paar hundert Bildern nach Hause gefahren, auf denen keine Band zu sehen ist. Die sind gut geworden, manche besser als die von der Bühne.

Trotzdem ist der Moment, an den ich mich in zehn Jahren erinnern werde, ein anderer: dritter Song, Schakal, Kamera am Auge, und für ungefähr vier Minuten war das kein Job.

Man kann jahrelang professionell danebenstehen. Manchmal reicht ein einziger Song, und man steht wieder da, wo man mit zwanzig stand.

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