Über einen Ort, den wir nie besuchen wollten.
Manche Orte plant man monatelang. Man bucht Hotels, markiert Sehenswürdigkeiten, stellt sich schon vorher vor wie alles aussehen wird. Und manchmal bleibt von all dem weniger hängen als von einem Ort, den man nie besuchen wollte. Einem Ort der einfach auf dem Weg lag. Der keine Erwartungen hatte – und genau deshalb alle erfüllen konnte
Splügen brauchten wir nur als Bett für eine Nacht. Rückweg aus der Toskana, 1800 Kilometer, zu weit für einen Tag. Splügen lag dazwischen. Ein Frühstück, weiterfahren. Das war der Plan.
Dann standen wir vor dem Hotel. Hinter den Häusern fingen die Berge an.
Wir sind gegangen. Zuerst Wiesen, Blumen die niemand gepflanzt hat. Scheunen die seit Jahrzehnten in denselben Hang geneigt stehen, vielleicht länger – man sieht es ihnen an, dem Holz, der Art wie das Dach die Last trägt. Lifttrassen, die im Sommer ins Nichts führen – Masten ohne Schnee, Stahlseile, die irgendwo enden wo gerade niemand hin will. Die Talstation geschlossen, das Kassenhäuschen blind. Jetzt war es still. Eine andere Art von Ort.
Der Weg war noch breit, noch übersichtlich. Die Sonne schien, 30 Grad, zwei Wochen Mittelmeer hinter uns. Happy lief voraus, blieb kurz an jedem Geruch stehen, lief weiter. Sandra und ich sagten nicht viel. Es gab nichts zu besprechen. Der Weg war da, der Berg war da.
Dann wurde der Weg schmaler. Das Grün zog sich zurück, langsam, als würde es freiwillig Platz machen. Steine kamen, zuerst vereinzelt, dann überall. Die Pflanzen dazwischen wurden kleiner. Einzelne Blumen, blass, hartnäckig, ohne Publikum. Die Luft kühlte ab, merklich, in kurzer Zeit. Die Geräusche aus dem Tal verschwanden hinter einer Kurve und kamen nicht wieder. Dafür hörten wir Wasser – noch nicht zu sehen, aber nah genug, dass man es spürte.
Sandra blieb kurz an einem Wegweiser stehen. Die Zahlen darauf wurden größer statt kleiner. Der Ort, den er anzeigte, sagte uns nichts. Irgendein Pass, irgendein Name, irgendwo dahinter Italien oder Österreich oder beides. Wir hatten keine Karte dabei. Kein Signal.
Wir hätten umdrehen können.
Stattdessen liefen wir weiter. Noch eine Kurve. Hinter jeder Kurve ein neues Stück Berg das vorher verborgen war. Irgendwann der Wasserfall, laut, weiß, direkt aus dem Felsen. Die Stelle, wo der letzte Baum stand, allein, krumm, ohne Nachbarn. Schnee in einer Mulde, noch im Juni. Happy tappte drüber und schaute kurz auf. Zwei Wochen zuvor badeten wir noch im Mittelmeer, er im Gras unter einem Olivenbaum.
Dann hörte der Weg auf. Einfach so, ohne Schild, ohne Erklärung. Ein paar Steine die vorher Markierungen gewesen sein könnten, verwittert, umgefallen. Dahinter Fels.
Wir gingen trotzdem weiter.
Oben war nichts. Grauer Fels, weit. Der Wasserfall, der ins Tal stürzte, laut genug, um alles andere zu überdecken. Einzelne Blumen zwischen den Steinen, so klein, dass man sie fast übersehen hätte – gelb, präzise, als hätte jemand sie einzeln hingestellt. Kein Geräusch, das füllte außer dem Wasser, keine Farbe, die ablenkte außer dem Grau und dem schmalen Streifen Blau darüber.
Ich setzte mich hin. Der Wassernebel vom Fall zog in kleinen Schwaden über den Felsen, verschwand, kam wieder. Happy hatte sich neben einen Schneeflecken gelegt und schaute ins Tal, als würde er auf etwas warten. Sandra stand ein Stück weiter, still, den Blick irgendwo zwischen den Gipfeln. Niemand sagte etwas.
Es gab nichts zu sagen.
Irgendwann bemerkte ich dass ich die ganze Zeit lächelte. Dann fing ich an zu singen. Laut, einfach so, in die Stille rein. Kein bestimmtes Lied, nur Töne. Happy schaute kurz auf. Die Berge schwiegen weiter.
Den Abstieg habe ich kaum wahrgenommen. Irgendwann war das Tal wieder nah, die Wiesen wieder breit, der Weg wieder asphaltiert. Das Hotel, das Abendessen, eine Flasche Wein die wir eigentlich nicht geplant hatten. Der nächste Morgen, Kaffee, einladen, weiterfahren.
Splügen war auf keiner Liste. Kein Reiseführer, kein Instagram-Konto hatte uns hier hingeschickt. Es lag einfach da, zwischen Süden und Norden, zwischen Plan und Wirklichkeit. Ein Ort der funktioniert, weil er nichts von einem will.
Die ungeplanten Orte waren am Ende die schönsten. Das klingt wie eine Weisheit, aber es ist nur eine Beobachtung.